OT Nationalteam: Leider Stillstand

Nun ist also das letzte Bewerbsspiel des Nationalteams für 2016 auch geschlagen. Ebenso wie das Team. Wieder einmal. 0:1 gegen Irland.

Das Jahr 2016, von dem wir alle so viel erwartet oder zumindest erhofft haben, war wirklich ein „Seuchenjahr“. Nur muss man sich jetzt schleunigst daran machen, die Ursachen für diese Seuche zu finden und zu beseitigen. Die Fügung in ein „gottgegebenes Schicksal“ wird unser Team nicht weiter voranbringen.

Dabei wirkt der einstige „Heilsbringer“ leider auch ratloser denn je. Schon sein Versuch, Wimmer auf der linken Abwehrseite zu forcieren, ist trauriger Ausdruck dieser Hilf- und Ratlosigkeit. Die mittlerweile unerwünschte Diskussion über die Position von David Alaba und das Schöpf-Sabitzer-Würgen wohl ebenso.

Aus meiner Sicht ist das Erfolgssystem Koller leider irgendwann auf dem Weg zum Stillstand gekommen. Dabei war es ein kraftvoller Aufbruch, als vor Jahren nach der dunklen Ära der heimischen „Startrainer“, endlich einer kam, der unserem Fußball eine konsequente Spielidee und ein System verpasste. Laufstark mit extremen Pressing – so wüteteten die Jungen Wilden unter Koller über die europäischen Fußballfelder. Ich kann mich noch gut an ein Spiel gegen Deutschland im Happelstadion erinnern, als man Schmelzer und Neuer schon in deren Strafraum konzertiert anlief und ihnen so das Leben mehr als schwer machte. Im Laufe der Zeit wurde das System noch ausgefeilter und etwas souveräner – 80 Minuten Dauerpressing hält ja ohnehin keine Mannschaft durch. Tempowechsel und intelligenter Ballbesitz erweiterten das Repertoire. Die Erfolge waren überzeugend. Souveräne Qualifikation für die EURO 2016. Auf diesem Weg wurden Meilensteine erreicht, unvergessen der Sieg in Schweden. Selten sah man nach den 78er Helden ein österreichische Nationmannschaft wieder so gut spielen. System, Spielglück und die Formkurven der Spieler ließen wenig Wünsche offen. Die raren Verletzungssorgen konnten immer gut kompensiert werden. Der maßgeschneidete Anzug für das A-Team schien perfekt zu passen. Und über eine Alternative – den vielzitierten Plan B musste, konnte, wollte sich zu diesem Zeitpunkt wohl keiner den Kopf zerbrechen. Österreich kletterte in den Ranglisten bis auf Platz 10 hoch, erschien mittlerweile auf dem Radar auch der mittelgroßen bis großen Mannschaften als ernstzunehmender Gegner. Und das Erfolgssystem war europaweit bekannt.

Im Jahr 2016 dann leider der große Bruch. Verletzungsprobleme und Formkrisen bei Mannschaftsstützen wie Alaba, Harnik, Janko & Co. Schlechte Ergebnisse in schlechten Testspielen trotz (oder wegen) Europhorie. Die EURO selbst wurde konsequenterweise auch zum Desaster. Eine mannschaftliche Bankrotterklärung. Niederlagen gegen Ungarn und Island, ein mehr als glücklicher Punkt gegen den späteren Europameister. Und neben den Formkrisen der Spieler wurde auch das anhaltende Formtief des Teamchefs Thema. Verunglückte Aufstellungsvarianten, missglückte Wechsel und fragwürdige Spielsysteme beherrschten plötzlich die Diskussion. Warum Schöpf entweder nie oder zu spät zum Einsatz kam, warum Alaba plötzlich im offensiven Mittelfeld auftaucht und was Harnik eigentlich noch machen muss, um seinen Stammplatz endlich zu verlieren.

Die Aufarbeitung der EURO war dann auch geprägt von dünnhäutiger Wehleidigkeit, Diskussionen um fliegende Untertassen (oder Teller?) bestimmten die Analyse mehr als Inhalte. Der Teamchef wirkte angeschlagen und angefressen. Was auch verständlich ist, denn die Performance in Frankreich war sicher auch nicht das, was Marcel Koller sich erhofft hatte. Dabei wäre es gerade jetzt so wichtig, dass der einstige „Heilsbringer“ sich (und den heimischen Kick) noch mal neu erfindet. Er muss reinen Tisch machen und schauen, was falsch lief und was in Zukunft zwingend geändert und erneuert werden muss. Immer nur darauf zu hoffen, dass wir – mit den alten Mitteln und Akteuren – noch mal wieder so gut spielen wie in Solna, wird zu wenig sein. Und nach den ersten vier eher missglückten Spielen der WM-Qualifikation ist der Zeitpunkt ideal dafür.

Elenden und jammern wird uns ebensowenig weiter bringen wie ein Hoffen auf ein Comeback des Spielglücks. Ja, es ist schon wahr, auf der Welle der letzten Quali hätten wir auch in dieser noch kein Spiel verloren. Damals gingen Bälle vorne rein und hinten nicht rein, die jetzt nicht oder leider schon  drin sind. Die elende Diskussion, ob Alaba jetzt im Mittelfeld oder links hinten (wo er Weltklasse ist) spielen sollte, lähmt das Team. (Ich persönlich könnte einer linken Seite mit Alaba und Arnautovic sehr viel abgewinnen – man könnte es zumindest mal ausprobieren.) Aber auch hier ist der Teamchef gefragt, er muss jetzt Führungsqualitäten zeigen und im Bedarfsfall auch unseren besten Kickern mal sagen, dass sie dort zu spielen haben, wo es für den Erfolg das beste ist – und nicht dort, wo sich da27 mitsamt Bro Arnauto und Bro Drag selber am liebsten sieht.

Ich glaube, der Kern unseres Teams ist nach wie vor gut. Der Trainer ist ein Guter. Nur müssen jetzt endlich sowohl Kader wie auch System wieder neu gedacht werden. Und zwar ohne Scheuklappen und ohne ein ständiges Hochhalten alter Verdienste. Ja, die Quali zur EURO war super – nur die ist vorbei. Und mit dem Blick nach hinten fahren wir sicher nicht zur WM nach Russland – was allemal noch möglich ist, denn mit einem „neuen Team“ sind Serbien, Wales und Irland auf jeden Fall schlagbar. Wenn der geistige Stillstand endlich beendet wird.

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