Ein scheinheiliges Geisterliga-Theater

In der Deutschen Bundesliga rollt also in wenigen Tagen der Ball wieder. In Österreich soll es im Juni soweit sein. Und als Fußballfan freut man sich wohl instinktiv erst mal darüber. Wenn man sich das Umfeld ansieht, in dem das ganze stattfinden wird, sinkt – zumindest bei mir persönlich – die Freude auch schon wieder. Denn mich kotzt vor allem die Scheinheiligkeit der Verantwortlichen unendlich an.

Was ist es denn , das ein Match ausmacht?

So gut wie alles hat natürlich mit Emotionen zu tun – auf dem Rasen und auf den Rängen. Es sind die Kicker auf dem Feld und die Fans auf den Tribünen, die den Kern des Fussballs ausmachen. Und natürlich damit verbunden die ganzen hitzigen Diskussion vor, während und nach dem Spiel. Abseits? Blinder Schiedsrichter? Blinde Stürmer? Fehlentscheidung? Abwehrfehler und und und.

Vieles – nicht alles – davon wird bei Geisterspielen wegfallen. Unvergessene Aufholjagden, die vor allem deswegen von Erfolg gekrönt waren, weil das ganze Stadion plötzlich eine unfassbare, magische Stimmung erzeugt, die auch nach einem 0:2 ein 3:2 überhaupt erst noch möglich macht. Ein gemeinsame Urgewalt, die 11 Mann auf dem Rasen mit dem 12. Mann (und der 12. Frau 🙂 auf den Rängen verbindet. Unbändiger Wille, der aus gemeinsamer Leidenschaft entsteht. FEHLANZEIGE in den neuen Geisterligen.

Doch wenn der Kern von dem, was Fussball ausmacht, wegfällt, warum wird dann überhaupt jetzt gleich wieder angepfiffen – wo wir alle noch mit Mundschutz U-Bahnfahren und mit Mindestabstand an der Supermarkt-Kassa stehen ? Und hier beginnt die Scheinheiligkeit und Verlogenheit der Verantwortlichen – vor allem in Deutschland, aber in Österreich ist es wohl nicht viel anders. Da wird in erster Linie geschwafelt und gesülzt von dem Stück Normalität, das man den treuen Fans zurückgeben will. Da wird davon geredet, dass man das für die Fans macht, die endlich wieder ihre geliebten Kicker auf dem Feld sehen wollen. Gefühlsduselei hoch 10.

Und dabei geht es ausschließlich um Fernseh-Kohle – und um nix anderes. Und das wäre auch noch halbwegs verständlich, wenn man die schlecht bezahlten, einfachen „kleinen“ Mitarbeiter sieht, die heutzutage an einem großen Verein hängen. Doch bei den Unsummen, die da im Spiel sind, geht es wohl vor allem darum die aufgeblähten Spielerkader mit den hoffnungslos überbezahlten Pseudostars zu finanzieren.

„Auch wenn das kaum einer offen sagen mag, weil man im gefühlsseligen Fußballgeschäft den Zuschauern nicht jede Wahrheit zumuten mag. Ohne Fans und auch ohne deren Eintrittsgelder kann sehr wohl noch ein Fußballspiel stattfinden. Zumindest, solange alle Spieler und Beteiligten gesund sind. Genau genommen muss es sogar stattfinden. Denn ohne die Millionen von Fernsehen und Sponsoren geht es in der Liga nicht lange weiter. Sage und schreibe 68 Millionen Euro pro Spieltag zahlt allein das Fernsehen, zuverlässig, Woche für Woche. Einzige Bedingung: Es wird gespielt. Wenn hier Gelder und Liquidität wegbrechen, weil nicht mehr gespielt werden kann, dürften kurzfristig mehr Vereine in Gefahr sein, in die Insolvenz zu rutschen.“ (Süddeutsche Zeitung Online)

Eigentlich hat die Deutsche Bundesliga im Mai die vierte und letzte Abschlagszahlung für die Saison 2019/20 erwartet. 304 Millionen Euro durch die nationalen und 79,5 Millionen Euro aus den internationalen Vermarktungserlösen hätten den Vereinen zugestanden. Wegen der Corona-Krise ruht der Spielbetrieb allerdings. Es droht ein Verlust von mehr als 383 Millionen Euro, die sonst an die Vereine der 1. und 2. Liga verteilt worden wäre. (Der Kicker)

Und ich sage mal, keiner der Verantwortlichen hätte auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, „für die Fans“ wieder zu spielen – wenn es nicht um Hunderte Millionen Euro ginge, um die man umfällt, wenn Pay-TV-Konzerne nicht zufriedengestellt werden.

Und nur aus diesem Grund hat man dann in Windeseile ein sagenhaftes Hygiene-Konzept aus dem Ärmel geschüttelt, das auch Medizin und Politik beruhigen soll. Das aber meiner Meinung nach in etlichen Punkten völlig an der Realität dieses Sports vorbeigeht. Hier nur ein paar Perlen daraus.

  • Die Aufenthalte in den Kabinen sollen auf ein Minimum reduziert werden. Rituale wie Einlaufkinder, Maskottchen oder Mannschaftsfotos entfallen.
  • Alle Anwesenden – aktive Spieler und Schiedsrichter ausgenommen – sind im Stadion verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Spielbälle sollen vor und während des Spiels desinfiziert werden.
  • Kein gemeinsames Einlaufen.
  • Kein Handshake bei der Platzwahl.
  • Kein Abklatschen und Umarmungen beim Jubel. Hier sind nur ein kurzer Ellbogen- oder Fußkontakt erlaubt.
  • Der Ausstoß von Speichel (Spucken) soll vermieden werden.
  • Die Personen auf der Bank müssen einen Sicherheitsabstand einhalten und Masken tragen.
  • Der Trainer darf den Nasen-Mund-Schutz zum Rufen von Anweisungen abnehmen – sofern er die 1,50 Meter Distanz zu allen anderen Personen einhält.

https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/fussball-und-corona-dfl-hygienekonzept-fuer-bundesliga-spiele-16756789.html

Jetzt wird also nach Toren auch nicht mehr abgeklatscht, der Ball wird desinfiziert und die Mannschaften laufen getrennt ein. Aber wie schaut das alles denn dann bitte während des Spiels aus? Während eines Spiels, das vor allem von Zweikampf, Emotionen und Körperkontakt lebt?

Wird der ballführende Spieler, der aufs Tor zuläuft, dann nur unter Einhaltung eines Mindestabstandes von 1 Meter attackiert?

Werden bei Freistößen in Strafraumnähe keine Mauern mehr gebildet? Und schon gar nicht mit Spielern der ausführenden Mannschaft, die sich ja gerne zur Irritation auch mal dazu- oder danebenstellen?

Wie schaut das bei Eckbällen aus? Entfallen dann die Kopfballduelle im Strafraum, das übliche Gedränge und Geschiebe im 5er? Wird da vorher gelost, wer zum Ball gehen darf?

Entfällt jetzt plötzlich die leider üblich gewordene Rudelbildung rund um den Schiedsrichter nach so gut wie jeder Entscheidung von einer der beiden Mannschaften – inklusive dem klassischen aus 50 Zentimetern ins Gesicht brüllen?

Das alles und noch viel mehr wird passieren, denn sonst hätten diese Geisterspiele ja gar nichts mehr mit Fussball zu tun. Und alle wissen das natürlich und erfinden trotzdem scheinheilige Pseudoregeln. Und ja, das sind junge fitte Burschen, die auch eine Infektion aushalten werden und man kann natürlich gerne wegen der ganzen Kohle jetzt diese Geisterliga durchpeitschen. Aber dann sollen die das bitte auch genau so sagen:

„Wir machen diesen Geisterliga-Mist ausschließlich wegen der Unsummen an Fernsehgeldern, um die wir sonst umfallen würden. Damit wir auch weiter lausig wirtschaften und Pseudostars mit Unsummen zukübeln können. Und damit wir auch in der nächsten Saison gleich mal wieder Dutzende Millionen für Transfers zum Fenster rauswerfen können. “

Macht das einfach – sagt es! Aber erzählt uns bitte nicht mehr, dass Ihr diesen ganzen Müll wegen der kleinen Catering-Mitarbeiter und der treuen Fans macht. Punkt.

P.S.: Und übrigens liebe Liga-Supermanager und Pay-TV-Betreiber. Wenn Ihr ausnahmsweise mal wirklich was für Fans machen wollt und nicht nur den Gewinn maximieren. Wie wäre es denn dann, wenn Ihr für die Anhänger, von den viele durch die Krise auch nicht eben reicher geworden sind, die von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit u.s.w. bedroht sind, die Spiele einfach gratis zeigt? Und nicht nur zwei Runden in der Konferenz wie in Deutschland geplant. Das wäre doch mal echt was. Und wer weiß, vielleicht bringt das ja nächste Saison sogar ein paar zahlende, neu „angefixte“ Abonnenten mehr – und das ist es ja, was Ihr wollt, nicht wahr … 🙂

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